Warum ist der somatische Ansatz für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wichtig?

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Heike Kuhlmann berichtet im folgenden über ihre Arbeit mit Kindern. Sie leitet die Fortbildung für die somatische Begleitung & Arbeit mit Kindern in Berlin.

 

„Der menschliche Körper ist kein Instrument zum Benutzen, sondern das Reich des eigenen Seins zum sich erfahren, erforschen, bereichern und sich aus-/ weiterzubilden.“ Thomas Hanna

 

Zur Zeit führe ich ein Projekt mit Kindern im Alter von 7-12 Jahren durch. Wir arbeiten mit Tanz, Bewegung, Spiel und Erlebnispädagogik zum Thema Wasser. Die Kinder kommen teilweise aus bildungsfernen und benachteiligten Haushalten. Der Zugang zum eigenen Körper dieser Kinder ist stark von ihrer Umgebung geprägt. Die Jungs kennen Fußball und das ist okay, alles andere nicht. Sich auf etwas anderes einzulassen, ist nicht cool und vielleicht auch Mädchensache. Sie zu begeistern ist nicht einfach. Schnell lautet die Antwort „langweilig“ oder „ich habe keine Lust“. Ausweichstrategien haben die Kinder zuhauf. Es erfordert viel Geschick und Überzeugungsarbeit, sie an der Stange zu halten und für etwas neues zu begeistern.

 

Die Reaktion der Kinder ist interessant, denn es steht eigentlich dem Naturell des Gehirns entgegen. Unsere soziale Umgebung kann entscheidend dazu beitragen, die ursprünglich vorhandene Neugier zu unterdrücken und sich hauptsächlich in den Zwängen der gesellschaftlichen Rolle zu bewegen.

 

Ich war stolz, als ich es schaffte mit einem Jungen eine Spürübung im Park zu machen. Dieser Junge hatte sich am ersten Tag des Projektes in einem Spannungsfeld befunden: gehe ich aus Langeweile oder bleibe ich und probiere etwas neues? Letztendlich entschied er sich zu bleiben. Bei der Spürübung wird einem Kind die Augen verbunden. Es wird von einem anderen Kind verantwortungsvoll und fürsorglich geführt. Das führende Kind hat die Aufgaben auf das nicht sehende Kind aufzupassen, es nicht stolpern oder irgendwo gegen laufen zu lassen. Es führt das nicht sehende Kind zu Orten, die es ertasten und erspüren kann.

 

Zuerst war der Junge skeptisch und meinte die Übung sei „ekelig“. Ich fragte warum. Darauf bekam ich keine Antwort. Überraschenderweise ließ er sich dann doch ohne zu murren darauf ein, diese Übung mit mir zu machen. Am Anfang trug er die Augenbinde und ließ sich von mir führen und sich Sachen in die Hände legen, die er ganz vorsichtig erstastete. Dabei musste er sein Feingefühl benutzen, so wie er das wahrscheinlich noch nie vorher gemacht hatte. Danach führte er mich und gab mir Objekte zum Ertasten. Das machte er beides ausgezeichnet.

 

Es ist sicherlich nur ein kleiner Ausschnitt seines Lebens. Selbst wenn er nach diesem Projekt nicht wieder in Berührung mit einer solchen Erfahrung kommt, weiß er jetzt trotzdem wie es sich anfühlt sich auf jemand anderen einzulassen und etwas noch Unbekanntes zu entdecken. An diesen Moment kann er also anknüpfen und weiterlernen.

 

Ich weiß welche Erfahrungen ich den Kindern mitgeben möchte. Meine Aufgabe ist es den Weg dorthin zu finden, häufig sind es auch Umwege. Wichtig ist, dass sie sich selbst als handelndes Subjekt in ihrer Umgebung erleben.

 

Immer wieder beobachte ich, dass Eltern und Pädagogen bereits aufgeben sobald das Kind sagt „langweilig“ oder „ich will nicht“. Durch meine somatische Arbeit und Kenntnisse der Gehirnforschung bleibe ich an diesem Punkt nicht stehen, sondern suche mit dem Kind zusammen einen Weg, damit es lernt sich einzulassen.

 

In der Fortbildung somatische Begleitung & Arbeit mit Kindern ( 0-16J.) geben wir basierend auf den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung somatisches Handwerkszeug mit, dass für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in solchen Situationen unterstützt. Dabei sind sowohl anatomische Kenntnisse als auch das Wissen der Kindheits- und Jugendentwicklung wichtig.

 

Während der Kindheit eignen wir uns viele Fähigkeiten an. Diese werden in der Adoleszenz weiter ausgebildet und verfeinert. Zwischen dem zwölften und vierundzwanzigsten Lebensjahr baut sich das Gehirn sehr stark um. Eine Vielzahl von Neuronenverbindungen, die in der Kindheit entstanden sind werden abgebaut. Was nicht mehr gebraucht wird kommt weg. Das ist ein entscheidender Punkt: je nachdem, worauf wir unseren Fokus setzen, spezialisieren wir uns. Die für diese Spezialisierung notwendigen Nervenbahnen im Gehirn werden ausgebaut. Wir können uns das Gehirn als einen Wald mit Pfaden und Wegen vorstellen. In der Kindheit durchkreuzen wir den Wald auf vielen verschiedenen Pfaden. In der Jugend gehen wir bestimmte Pfade häufiger und aus diesen bilden sich Wege. Nach und nach entsteht eine Struktur im Wald. Manche Wege werden vielleicht auch geteert, um sie bequem begehbar zu machen. Der vorhin beschriebene Junge ist 8 Jahre alt. Er ist also noch dabei seine Nervenbahnen auszubauen. Welche Pfade zu Wegen ausgebaut werden wird sich noch zeigen.

 

Von außen betrachtet probieren wir in der Kindheit verschiedene Sportarten oder Musikinstrumente aus bevor wir uns für etwas entscheiden. Wir verbringen dann mehr Zeit mit dem Gewählten. Dadurch entstehen aus den Pfaden, klar gekennzeichnete Wege. In unserem Gehirn entwickeln sich Bahnen aus vorhandenen Neuronenstrukturen, die leicht abrufbar sind. Andere verwaisen währenddessen. Liegt der Fokus der Jugendlichen vor allem auf Aktivitäten, die virtueller Natur sind, verstärkt das Gehirn, die dafür notwendigen Fähigkeiten. Als Beispiele zählen die Kurzsichtigkeit, der nach vorne überhängende Kopf sowie der schnelle Fokuswechsel.

 

Bei Jugendlichen kommt zu diesem Umbau der Nervenbahnen im Gehirn noch die starke hormonelle Veränderung hinzu. Diese zu verstehen, kann für Jugendliche selbst wie für ihr soziales Umfeld sehr schwer sein.

 

Um sich zurecht zu finden und den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein, ist es wichtig sich in der eigenen Haut wohlzufühlen. Das ist sicherlich nicht einfach, wenn der Körper Ort großer Veränderungen ist. Er kann sich fremd anfühlen.

 

Die Somatik stellt die innere körperliche Wahrnehmung und Erfahrung in den Vordergrund. Diese Form der Körperarbeit ermöglicht Kindern und Jugendlichen in sich hineinzuspüren, Kontakt zum eigenen Körper aufzubauen und ihn als zu Hause wiederzuentdecken. Der somatische Ansatz ist für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen essentiell, um sie auf ihrer Entwicklung zu begleiten.

 >> Einführungstag der Fortbildung somatische Begleitung & Arbeit mit Kindern: 08. September 2019 

 

Seminardetails

Beginn:15. August 2019, 00:00 Uhr
Ende: 8. September 2019, 00:00 Uhr
Kurssprache:DE + EN